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24. September 2020

Wehe, wenn der Winter kommt: Schule eiskalt erwischt?

Schlechte Lüftungskonzepte und mangelnde Digitalisierung – BvLB warnt vor Tatenlosigkeit

Der Schulbetrieb ist jetzt Chefsache. Das ist die zentrale Botschaft, die vom Bildungsgipfel im Kanzleramt ausgeht. Ansonsten gilt: Wissen sie wirklich, was sie tun? „Anders lässt sich das Aktivitäten-Feuerwerk, was da abgefackelt wird, nicht übersetzen. Die Lüftungskonzepte, mit denen der Präsenzunterricht aufrecht erhalten werden soll, funktionieren mehr schlecht als recht und sowieso nur bei Sommertemperaturen. Bei Herbststürmen und Schlagregen kann man nicht stoßlüften, ohne die Klassenräume zu fluten und Erkältungskrankheiten unter allen Anwesenden Vorschub zu leisten. Die Unversehrtheit der Lehrkräfte und der Schülerinnen und Schüler muss gewährleistet sein. Ein Vabanque-Spiel zu Lasten der Gesundheit verbietet sich nicht nur aus ethischen Gründen. Und Onlineunterricht als Alternative scheitert nicht nur an der mangelnden Digitalisierung. Hier wird die berufliche Bildung sehenden Auges gegen die Wand gefahren“, sagt Joachim Maiß, Vorsitzender des Bundesverbandes der Lehrkräfte für Berufsbildung e.V. (BvLB).

Die Schulen bleiben offen – komme, was da wolle. Die Ansage von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek ist so klar wie irritierend zugleich und offenbart den vollständigen Realitätsverlust der Politik. Oder wissen unsere Politiker mehr als wir? Nicht erst seit Wiedereröffnung der Schulen, wo Abstandsregeln und Maskenpflicht ihre Gültigkeit verloren, irrlichtern die Kultusminister umher und setzen Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler Gefahren aus, die auf offener Straße mit Bußgeldern belegt werden – ganz so, als ob es das Virus in den Schulen nicht gäbe. „Natürlich können wir nachvollziehen, dass die Politik jetzt Entscheidungen fällen muss, ohne zu wissen, wie sich das Infektionsgeschehen weiter entwickeln wird. Dennoch muss die Zeit genutzt werden, um tragfähige Konzepte zu entwickeln, die einen hybriden Unterricht gewährleisten, ansonsten werden die beruflichen Schulen im Hebst kalt erwischt – und das im doppelten Wortsinne“, sagt Eugen Straubinger, ebenfalls BvLB-Vorsitzender.

Bereits 2017 und damit deutlich vor der Corona-Krise hat das Umweltbundesamt klare Anforderungen an Lüftungskonzeptionen in Bildungseinrichtungen formuliert. Danach kann ein CO2-Sensor als Lüftungsampel zwar Hilfestellung leisten, um eine Verbesserung der Fensterlüftungsstrategie zu erreichen. Allerdings reicht eine Lüftung über Fenster zum Erreichen einer guten Innenraumluftqualität während des Unterrichts in Schulgebäuden aus Expertensicht allein nicht aus. „Angesichts der Tatsache, dass eine Vielzahl an Schulen nicht einmal Fenster hat, die man richtig öffnen kann, ist ein Regelschulbetrieb in Corona-Zeiten gesundheitsgefährdend“, sagt Maiß und fordert: „wenn wir nicht in wirksame Filtertechnik investieren wollen oder können, dann brauchen wir einen verlässlichen Mix aus Präsenz- und Onlineunterricht, wo im pädagogischen Wechsel jeweils die Hälfe einer Klasse ins Schulgebäude kommt, während die andere Hälfte online unterrichtet wird. Wir brauchen Konzepte die gerade die Schwächeren nicht weiter benachteiligen. Dafür müssen die notwendigen Rahmenbedingungen, vor allem die notwendigen Ressourcen, geschaffen werden, um die berufliche Bildung zukunftssicher aufzustellen.“

 

Eugen Straubinger und Joachim Maiß