25. Januar 2020

PISA-Studie: Automechaniker, Erzieherin, Polizist

BvLB schlägt Alarm: Berufswüsche trotz Digitalisierung wie vor Jahrzehnten

Die digitale Transformation beschleunigt sich immer weiter. 60 Prozent der heute 6- bis 13-Jährigen  werden künftig in einem Beruf arbeiten, den es heute noch gar nicht gibt – was nur ein Beispiel für den rasanten digitalen Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft ist – „Eine Tatsache, die bei den Jugendlichen von heute noch nicht angekommen zu sein scheint“, sagt Joachim Maiß, einer der beiden Vorsitzenden des Bundesverbandes der Lehrkräfte für Berufsbildung e. V. (BvLB), und schlägt Alarm. Denn die Traumberufe der Schülerinnen und Schüler haben sich in den letzten 20 Jahren kaum verändert. Auf der Wunschliste ganz oben rangieren: Automechaniker, Erzieherin, Polizist und Lehrerin. Das zeigt eine Sonderauswertung der neuesten Pisa-Studie, die die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) dieser Tage vorgestellt hat.

Auch im Zeitalter zunehmender Digitalisierung und künstlicher Intelligenz streben Jugendliche demnach vor allem etablierte Berufe an. Die Gründe dafür sind vielfältig, lassen sich aber dennoch auf eine ganz einfache Formel herunterbrechen: „Man kann nur das werden, was man kennt. Es gibt 321 Ausbildungsberufe, deren Inhalte und Ausprägung den wenigsten Jugendlichen bekannt sind“, sagt Maiß, der einen großen Nachholbedarf bei der Aufklärungsarbeit sieht.  Das fängt bei den Eltern an, die bei der Schullaufbahn wie der Berufswahl Einfluss nehmen, setzt sich über eine verfehlte Berufsberatung fort und endet letztlich in der fehlenden Verzahnung von Schule und Wirtschaft. Entscheidend dabei ist, dass die unterschiedlichen Handlungsfelder zeitgleich angegangen werden müssen.

„Wir müssen mit einem Schulsystem von gestern die Jugend von heute für die Arbeitswelt von morgen ausbilden, ohne überhaupt zu wissen, wie genau sie aussieht. Das trifft auf die allgemeinbildenden ebenso wie auf die berufsbildenden Schulen zu, die hier ganz besonders gefordert sind. Aktuell besteht damit die große Gefahr, dass wir die nächste Generation für die Vergangenheit und nicht für die Zukunft ausbilden“, sagt Eugen Straubinger, ebenfalls BvLB-Bundesvorsitzender. Um hier erfolgreich gegenzusteuern, müssen Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Schule strukturelle ebenso wie systemische Veränderungen vorantreiben und den Dialog und Austausch über alle Grenzen hinweg fördern. Wichtig ist hier aus Sicht der Berufsbildner zum Beispiel, tragfähige Lernortkooperationen mit den Betrieben zu institutionalisieren. Denn Bildungsleistungen sind untrennbar mit wirtschaftlichem Erfolg verflochten.

Die aktuelle Pisa-Studie, bei der weltweit  600.000  Jugendliche im Alter von 15 Jahren befragt wurden, zeigt: Die meisten Mädchen in Deutschland (10,4 Prozent)  wollen Lehrerin werden. Dahinter folgen Ärztin (10 Prozent), Erzieherin (6,4 Prozent) und Psychologin (4,5 Prozent). Bei den Jungen ist eine gewisse IT-Affinität auszumachen. Immerhin 6,7 Prozent wollen IT-Spezialist werden.  Oben im Ranking stehen aber auch Industrie- und Automechaniker (5,2 und 5,1 Prozent), Polizist (4,5 Prozent) oder Lehrer (3,8 Prozent).

„Die Berufswünsche decken sich in keiner Weise mit dem Fachkräftebedarf der Wirtschaft - vor allem im Kontext mit der voranschreitenden Digitalisierung der Wirtschaft.  Wie sehr die Digitalisierung das Alltagsleben verändern wird, kann niemand voraussagen. Fakt ist aber, dass sich die Arbeitswelten dramatisch verändern und dieser Prozess deutlich schneller vonstattengeht als bisher angenommen“ sagt Straubinger. Doch „jenseits des Kabels“ herrscht im bildungspolitischen Alltag Unklarheit: Wie könnten didaktische Konzepte für eine digitale Welt aussehen? Welche gesellschaftliche Rolle übernimmt Schule in einer digitalisierten Gesellschaft? Für welche Berufswelt muss Schule künftig ausbilden? Und wie soll die Lehrerfort- und –weiterbildung als Voraussetzung für eine gelingende Digitalisierung aussehen?

 „Wir haben in der Vergangenheit schon mehrfach die offenkundigen Probleme, an der die Digitalisierung zu scheitern droht, benannt. Zuletzt beim BvLB-Berufsbildungskongress Mitte November 2019 im Berliner dbb-Forum. Hier diskutierten etwa 300 Teilnehmer – versehen mit viel Input von namhaften Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft – zwei Tage lang alle relevanten Aspekte einer zukunftweisenden Berufsbildung“, sagt Maiß und betont: „den nächsten Aufschlag werden wir auf der Didacta Ende März in Stuttgart machen und hier für ein konzertiertes Miteinander werben.“

Alle drei Jahre werden in der PISA-Studie die Kompetenzen der 15-Jährigen in mehr als 70 Ländern getestet. In der aktuellen Erhebung lag der Schwerpunkt auf der Lesekompetenz, untergeordnete Erhebungsbereiche waren Naturwissenschaften und Mathematik. 2018 nahmen 79 Länder und Volkswirtschaften sowie 600 000 Schülerinnen und Schüler teil – so viele wie nie zuvor.  In Deutschland waren es etwa 5450 Schüler von 226 Schulen.