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20. November 2020

BvLB - Positionspapier zu Sondermaßnahmen der Qualifizierung von Quer- und Seiteneinsteigern für das Lehramt an beruflichen Schulen

Für den BvLB und seine Landesverbände ist es eine zentrale Aufgabe, sich damit zu befassen, dass ein qualitativ anspruchsvoller Unterricht möglich ist. Grundlegend dafür ist eine hinreichende Versorgung der Schulen mit entsprechend gut ausgebildeten Lehrkräften. Da es seit einer Reihe von Jahren immer schwieriger wird, grundständig qualifiziertes Lehrpersonal zu gewinnen, sehen sich die Kultusministerien der Länder mit einer Situation konfrontiert, Quer- und Seiteneinsteiger auch für das Lehramt an beruflichen Schulen anzuwerben. Diese Situation betrachten der BvLB und seine Landesverbände als Herausforderung und Chance zugleich.

Die Bezeichnungen Quer- und Seiteneinsteiger werden in den Bundesländern unterschiedlich verwendet. Grundsätzlich gilt jedoch Folgendes: Quereinsteiger sind Personen, die in der Regel ohne vorangegangenes Lehramtsstudium in den Vorbereitungsdienst für das Lehramt an beruflichen Schulen eintreten. Die berufs- und wirtschaftspädagogischen sowie die fachdidaktischen Anteile des grundständigen Studiengangs werden übergangen. Als Quereinsteiger werden in verschiedenen Bundesländern bzw. Kontexten zunehmend auch solche Personen bezeichnet, die nach Beendigung eines fachbezogenen (Bachelor-)Studiums einen lehramtsbezogenen Masterstudiengang aufnehmen – also als Quereinsteiger in das Lehramtsstudium wechseln. Seiteneinsteiger hingegen sind Personen, die ohne vorangegangenes Lehramtsstudium und ohne Vorbereitungsdienst bzw. Referendariat direkt in den Schuldienst übernommen werden. Häufig wird der Vorbereitungsdienst dann durch eine berufsbegleitende pädagogische Zusatzqualifikation ersetzt.

Ausgehend von den Bildungserwartungen, die Wirtschaft und Gesellschaft an die beruflichen Schulen stellen, und dem Bildungsanspruch, den die beruflichen Schulen an ihr berufs- und wirtschaftspädagogisches Handeln haben, hat sich die Qualifizierung der Quer- und Seiteneinsteiger am Konzept der grundständigen zweiphasigen Lehrerbildung zu orientieren, welches davon ausgeht, dass das theoriegeleitete Lehrerhandeln wissenschaftsbasiert und praxisorientiert sein soll. Die Entwicklung einer professionellen Steuerung des Lehrerhandelns wird auf der Basis von fachwissenschaftlichen, erziehungswissenschaftlichen und fachdidaktischen Theorien erwartet. Im Vorbereitungsdienst gilt es, diese Kompetenzen aufeinander zu beziehen und im unterrichtspraktischen Bedingungsrahmen anzuwenden, zu reflektieren und zu evaluieren. Dies bedeutet gleichzeitig, dass mit der Quer- und Seiteneinsteiger-Qualifizierung die grundständige Lehrerbildung nicht infrage gestellt werden darf.

Um auch zukünftig dem hohen Qualifikationsstandard bei allen an den beruflichen Schulen Unterrichtenden sicherzustellen und somit dem Bildungs- und Erziehungsauftrag entsprechen zu können, ist aus Sicht des BvLB und seiner Landesverbände bei der Qualifizierung von Quer- und Seiteneinsteigern für das Lehramt an beruflichen Schulen die Beachtung folgender Eckwerte unerlässlich:

  1. Als Quer- und Seiteneinsteiger können für das Lehramt an beruflichen Schulen nur Bewerberinnen und Bewerber zugelassen werden, die einen universitären Studiengang auf dem Diplom- bzw. Masterniveau nachweisen, der zu einer beruflichen Fachrichtung bzw. zu einem Unterrichtsfach hoch affin ist.
  2. Zusätzlich müssen diese Bewerberinnen und Bewerber als Quereinsteiger einen modifizierten (18-24-monatigen) Vorbereitungsdienst (Referendariat) durchlaufen oder als Seiteneinsteiger an einer den Vorbereitungsdienst ersetzenden berufsbegleitend angebotenen pädagogischen Qualifizierung (bei entsprechender Reduzierung des Unterrichtsdeputats) verpflichtend teilnehmen. Diese Qualifizierung der Quer- und Seiteneinsteiger sollte sich weitgehend an den inhaltlichen Regelungen des Vorbereitungsdienstes orientieren und zusätzlich zentrale Bereiche der universitären Berufs- und Wirtschaftspädagogik sowie Fachdidaktik berücksichtigen, um so für diese Lehrkräfte eine entwicklungsfähige Basis sicherzustellen, welche jener des Referendariats gleichwertig ist. In beiden Varianten wird die Qualifizierung mit der (Zweiten) Staatsprüfung abgeschlossen. Die pädagogische und didaktische Qualifizierung kann auch über einen Lehramtsaufbaumaster-studiengang, der idealerweise an einer Universität angeboten wird, berufsbegleitend erfolgen. Daran schließt sich die berufspraktische Qualifizierung des Vorbereitungsdienstes an.
  3. Die auf die Schulpraxis gerichtete Qualifizierung kann im Einzelfall (nach Bedarfslage der Schule) durch berufsbegleitende fachwissenschaftliche und fachdidaktische Studien in einem Zweitfach ergänzt werden.
  4. Zusätzlich sind u. a. ausbildungsbegleitend folgende Qualifizierungsangebote (bei entsprechender Reduzierung des Unterrichtsdeputats) hilfreich:
    • kollegiale Fallberatung,
    • Teamteaching mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen,
    • Vertiefungsseminare,
    • Coaching.

 

Alle diese Qualifizierungsmaßnahmen leisten zugleich einen wesentlichen Beitrag für die Identitätsbildung der Quer- und Seiteinsteiger als Berufsbildner.

In dieser Weise nachqualifizierte Quer- und Seiteneinsteiger werden – und dafür gibt es viele gute Beispiele – in aller Regel eine Bereicherung für die Kollegien der beruflichen Schulen sein, stärken sie doch aufgrund ihrer Erwerbsbiografien und Lebenserfahrungen sowie ihrer vielfach hohen Motivation die Praxisperspektive in den Lehrerkollegien. Hinzukommen beispielsweise ihr externer Blick auf die Organisation Berufliche Schule und andere, in der Unternehmenspraxis geübte Arbeits- und Kommunikationsformen.

 

Fazit:

  1. Vor diesem Hintergrund sind die Quer- und Seiteneinsteiger eine Chance für die berufliche Bildung – vorausgesetzt, sie werden berufs- und wirtschaftspädagogisch für den Arbeitsplatz Berufliche Schule gut vorbereitet.
  2. Die Lehrkräfte aus den grundständigen berufs- und wirtschaftspädagogischen Studiengängen sind und bleiben auch zukünftig unverzichtbarer Teil der Kollegien der beruflichen Schulen. Sie werden für eine qualitativ anspruchsvolle berufliche Bildung gebraucht, und zwar in immer größerer Anzahl.

 

Beschlossen vom Bundeshauptvorstand am 20.11.2020