29. April 2021

Berufsbildende Schulen in der Corona-Krise – das soziale Miteinander hat gelitten

BvLB: Nachhilfeunterricht allein reicht nicht – soziale Defizite müssen ausgeglichen werden

Die allermeisten Schüler:innen an berufsbildenden Schulen haben die fachlichen Kompetenzen im Distanzunterricht während der Coronakrise teils effektiver erworben, als wenn sie tagtäglich in die Schulen gekommen wären. Rund 20 % der Schüler:innen weisen allerdings fachliche Wissenslücken in Folge des Lockdowns auf. Das angekündigte Aktionsprogramm von Bundesbildungsministerin Karliczek in Höhe von bis zu zwei Milliarden Euro, um diese Lernrückstände aufzufangen, geht in die richtige Richtung. Allerdings reicht das nicht. „Es braucht darüber hinaus ein nachhaltiges und mindestens auf zwei Jahre angelegtes und entsprechend durchfinanziertes Förderprogramm ‚Soziales Lernen‘ für alle Schüler:innen“, sagt Joachim Maiß, Vorsitzender des Bundesverbandes der Lehrkräfte für Berufsbildung (BvLB).

Denn fachliche Wissenslücken sind nicht das eigentliche Problem. Wissen kann man sich im Nachhinein aneignen. „Viel wichtiger ist, dass das soziale Miteinander gelitten hat, weil soziales Lernen, kulturelle Erfahrungen, kommunikative Entwicklungen und Kollaborationen virtuell nur eingeschränkt möglich waren und damit die so wichtigen sozialen Kompetenzen elementare Defizite aufweisen. Die müssen in den nächsten Monaten im Schulalltag aufgefangen und egalisiert werden. Dafür braucht es zusätzliche finanzielle Mittel für die personelle Verstärkung an den berufsbildenden Schulen“, sagt Maiß.

Das gemeinsame Lernen in der Schule, die gezielte Nachfrage durch die Lehrkraft, der Blick in die Augen, ob Wissen wirklich verstanden wurde, blieben auf der Strecke. Aber genau das macht erfolgreiche schulische Lernbegleitung und -förderung aus. „Dass nicht nur Faktenvermittlung, sondern speziell auch soziales Lernen mit- und voneinander immer wichtiger wird, ist eine der Lehren aus der Pandemie. Gerade in der Erkenntnis zum bewussten sozialen Lernen liegt eine Chance der aktuellen Krise. Denn die 21th-Century-Skills, dazu zählen Problemlösungsfähigkeit, Kreativität, unternehmerisches Handeln, Adaptionsfähigkeit, Durchhaltevermögen und Resilienz, sind in der Arbeitswelt neben dem reinen Fachwissen zunehmend gefordert und müssen jetzt dauerhaft im Unterricht verankert werden, damit die Schüler:innen sie erfahren und mit- und voneinander erlernen können“, sagt Maiß.

Der BvLB fordert deshalb neben zusätzlichen finanziellen und personellen Ressourcen vor allem verfügbare Zeitfenster in den Lehrplänen, um zum einen verstärkt Projektwochen, Planspiele, Rollenspiele, Selbstvertrauens‑, Resilienz- und Achtsamkeitstrainings und zum anderen auch Exkursionen, Schüleraustausche oder Veranstaltungen zur Berufsorientierung zu initiieren. „Um das zeitnah und zielführend zu erreichen, braucht es neben dem bereits von Bundesbildungsministerin Karliczek angekündigten Aktionsprogramm das Förderprogramm ‚Soziales Lernen‘ für alle Schüler:innen. Ein solches Konzept steht für Zukunftschancen, die leider in unterschiedlichen Ausprägungen Corona bedingt für unsere Schüler:innen verloren zu gehen scheinen, und es steht für Bildungsgerechtigkeit“, sagt Maiß.

Joachim Maiß