20. Mai 2020

Berufliche Bildung ist kein Experimentierbaukasten

BvLB fordert klare Strukturen fürs Home-Learning für den Start ins neue Schuljahr

In der Corona-Krise haben die Berufsbildner mit Engagement, hohem Zeitaufwand, ohne Roadmap und trotz aller technischen Hindernisse Online-Unterricht in der beruflichen Bildung auf die Beine gestellt. Nur ist die Krise kein Dauerzustand, auch und gerade weil das Coronavirus Deutschland noch lange begleiten wird. „Dass die Digitalisierung durch die Hintertür erfolgt ist und das Bildungssystem dank kreativer Ideen und gelebtem Pragmatismus der Lehrkräfte so am Laufen gehalten werden konnte, ist kein Freifahrtschein für die Politik, das jetzt einfach so weiterlaufen zu lassen“, sagt Joachim Maiß, Vorsitzender des Bundesverbandes der Lehrkräfte für Berufsbildung e.V. (BvLB), und fordert: „Für den Start ins neue Schuljahr brauchen wir einen definierten strukturellen Unterbau, um Home-Learning als festen Bestandteil neben dem Präsenzunterricht im Schulalltag zu implementieren.“

Denn die Frage „Homeschooling vs. Präsenzunterricht?“ stellt sich nicht mehr. Der Mix aus beidem, mit dem die Berufsschulen Anfang Mai ganz langsam wieder den Regelschulbetrieb aufgenommen haben, ist gelebte Realität - und bleibt es auch auf Dauer. Deshalb muss die Digitalisierung der beruflichen Bildung beschleunigt vorangetrieben werden. Denn die Probleme sind offenkundig.

Das Breitbandnetz ist extrem löchrig und großflächig nicht vorhanden. Vielfach fehlen digitale Endgeräte, um einen gesicherten Online-Unterricht durchführen zu können. Pädagogisch-didaktische Online-Lerninhalte sind Mangelware, ebenso Fort- und Weiterbildungsangebote. Eine funktionierende Bildungscloud gibt es nicht. „Doch all das ist zwingend nötig, um qualitativ stimmigen Online-Unterricht gewährleisten zu können. Die berufliche Bildung ist schließlich kein Experimentierbaukasten, sondern braucht verlässliche Standards“, sagt Eugen Straubinger, ebenfalls BvLB-Vorsitzender.

Bis zum Start der Sommerferien sind es in einigen Bundesländern gerade mal fünf Wochen. „Die Kultusminister der Länder verharren noch im Krisenmodus, anstatt die strukturellen Probleme zu beseitigen. Lehrkräfte haben bis heute keinen Anspruch auf einen Dienstlaptop, sondern unterrichten online mit privaten Endgeräten und müssen sich dann noch mit dem Finanzamt auseinandersetzen, inwieweit der Rechner steuerlich abgesetzt wird. Das ist inakzeptabel“, sagt Maiß.

Ebenso wenig hinnehmbar sei, „dass der Mix aus Präsenz- und Onlineunterricht im Zweischichtsystem jetzt gelebter Alltag ist und einen deutlichen zeitlichen Mehrauswand mit sich bringt, das Ganze aber nicht mit einem abgestimmten Arbeitszeitmodell hinterlegt ist. In der Krise haben die Berufsbildner getreu dem Motto ‚Geht nicht, gibt’s nicht‘ alles nur Erdenkliche realisiert und enorm viel Zeit investiert, um Unterricht auf Distanz zu ermöglichen. Das kann kein Dauerzustand sein“, mahnt Straubinger und betont: Auch hier ist die Politik gefordert, die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen. Und zwar schnell und unbürokratisch. Denn in den ersten Bundesländern beginnt das neue Schuljahr bereits Anfang August.“

Da es deutschlandweit keine synchronisierten Systeme gibt, die Schulen mit unterschiedlichen Hard- und Softwarelösungen arbeiten, müssen auch die dringend erforderlichen Fort- und Weiterbildungsangebote darauf zugeschnitten sein. „Idealerweise organisieren die Schulen diese Fortbildung selbst, weil sie genau wissen, was gebraucht wird. Dafür brauchen sie aber den nötigen Gestaltungsfreiraum, der bisher nicht gegeben ist“, sagen Maiß und Straubinger einstimmig.

 

Joachim Maiß und Eugen Straubinger